Über Armut, die Giraffe, einige Weingläser und ein Bügelbrett

Auch die versteckte Armut ist gut wahrnehmbar. Doch nur für jene, die genau hinschauen wollen. Zum Beispiel in der Böcklinstraße in Wien-Leopoldstadt.

Dezent deponiert für jene, die es brauchen, aber nicht kaufen können: Kinderspielzeug und andere brauchbare Sachen

Gleich bei der Friedensgasse, fast am stadtauswärts gelegenen Ende der Böcklinstraße, da sind die Sammelcontainer aufgestellt. Weiß- und Buntglas kann man da entsorgen, auch Metalle jeglicher Art. Das Kolpingwerk hat eine Kleidersammelbox aufgestellt und auch Container für Biomüll sind hier zu finden. Hier in der Böcklinstraße, wo an die noblen Häuser des Pratercottage eine kleine Gemeindebauanlage grenzt, da hat sich ein Mikrokosmos des Schenkens gebildet.

Wie genau das entstanden ist, das kann keiner mehr sagen. Jedenfall landen hier, bei den Containern für die „Altstoffe“, wie wir unseren Wohlstandsmüll, den wir wegwerfen vornehm nennen, werden regelmäßig Dinge entsorgt, die man nicht mehr haben will. Emailgeschirr zum Beispiel, das überzählig ist, weil man nun in Edelstahl kocht und die neuwertigen Reindeln und Töpfe niemand im Freundeskreis haben will. Trinkgläser, für die man keinen Platz mehr hat, weil man nun Riedelgläser benützt und den Gästen nicht mehr die Gefäße aus Pressglas zumuten will.

Hier wird auch das Bügelbrett entsorgt, eines ohne Fehler, weil man plötzlich ein besseres gekauft hat. Auch die überzähligen Blumentöpfe aus Messing, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben und die man nicht mehr braucht, landen hier.

All das wäre für eine Müllsammelstelle, die vornehm eigentlich eine Altstoffsammelstelle ist, nichts ungewöhnliches. Doch hier ist es ein wenig anders. Viele, die Brauchbares entsorgen, werfen die Emailreindeln und Töpfe nicht einfach in den Container, sondern deponieren sie daneben. Denn hier, das wissen hier alle, kommen immer wieder Menschen vorbei, um sich die brauchbaren Sachen zu holen, die sie zwar brauchen, aber nicht genug Geld haben, um sie kaufen zu können.

Hier können sie sich mit manch Notwendigem versorgen, ohne sich als arm und ausgegrenzt zu fühlen. Denn hier können sie in der Tarnung der „Beutesammler“, der „Flohmarkthändler“ oder klammheimlich, wenn es dunkel ist, Sachen holen, mit denen sie ihr ärmliches oder bescheidenes Leben ein klein wenig schöner machen können. Oder oft auch Spielzeug für die Kinder finden, weil andere schon zu groß für die Giraffe aus Plüsch oder den Dreiradler geworden sind.

Vielleicht denken diese Menschen, die sich hier mit allerlei Hausrat eindecken, dass jene, die hier die überflüssigen Dinge deponieren, spinnen. Weil sie neuwertiges wegwerfen. Die meisten aber, die hier Brauchbares neben den Containern deponieren, damit für andere unleistbar Wertvolles nicht vernichtet wird, die freuen sich, jemanden anonym helfen zu können.

Das ist schön. Was allerdings gar nicht schön ist: Hier wird die versteckte Armut in dieser Stadt deutlich sichtbar. Auch wenn dies von allen Beteiligten sehr diskret gehandhabt wird.

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Schlagworte: Abfall, Armut, Müll, Prater, Soziales, Stadt, Wien,

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2 Kommentare zu Über Armut, die Giraffe, einige Weingläser und ein Bügelbrett

  1. Leider wird es nicht gern gesehen, wenn man Sachen „neben die Müllgefäße“ legt/stellt, weil es die Nachahmer anzieht (die stellen dann ihre Mistsäcke auch daneben, statt sie einzuwerfen) – und alles was sich neben den Containern befindet, wird von der MA48 nicht mitgenommen… wir haben seit Jahren ein funktionierendes System in unserer Bassena – den Gratisbazar, ein wunderbares System (siehe Link).

  2. Franz HAUSNER sagt:

    Das hast du hervorragend beobachtet. Da könnte man doch ähnlich dem Bücherregal ein Regal für Alltagsgüter machen!

    Liebe Grüße mach weiter so!

    Franz

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