Migration findet statt, ganz gleich, ob legal oder illegal.

Erntehelfer aus dem Osten, Stukkateure aus Italien: Seit Jahrhunderten wandern Menschen in Europa umher. Viele kamen nach Österreich – und manche blieben hier. (Für die „Wiener Bezirkszeitung“, 2007)

Die Europäer sind wanderfreudig. Seit Jahrhunderten. Die neumodische Forderung nach mehr Mobilität der Arbeitskräfte war vor mehr als hundert Jahren bereits erfüllt. Trotz moderner Verkehrsmittel sind die Menschen in Europa heutzutage viel sesshafter als früher. „Es ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts, das die Menschen viel weniger mobil sind als zu Zeiten der Monarchie“, das hat die Historikerin Annemarie Steidl wissenschaftlich beleuchtet. „In der Agrargesellschaft des 19. Jahrhunderts war es üblich, dass saisonale Erntehelfer durch halb Europa gezogen sind. Aus Galizien und Ungarn kamen verstärkt vor allem Frauen, um bei der Zuckerrübenernte oder der Weinlese ihr hartes Brot zu verdienen.“

Der Mangel an Arbeitskräften entwickelte sich aus den Strukturveränderungen in der Landwirtschaft und mit der Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte. Vor allem Wien war ein Magnet für Menschen aus ganz Zentraleuropa. „Tschechische Dienstmädchen, Ziegelarbeiter aus Böhmen, slowakische und kroatische Maronibrater und Straßenhändler prägten damals das Wiener Stadtbild. Zu den mehr als zwei Millionen, die damals in Wien lebten, kamen noch italienische Bauarbeiter und Salamiverkäufer dazu.

Auch die Zuwanderung jüdischer Arbeiter und Händler aus Osteuropa bereicherte damals die Kultur der K & K Haupt- und Residenzstadt. „1802 lebten in Wien etwa 1.400 Juden, um 1912 war diese Bevölkerungsgruppe auf 180.000 angewachsen. Dennoch blieb Wien eine Stadt des Kommens und Gehens. „Fünf von sechs tschechischen Zuwanderern verließen die Stadt bereits nach kurzer Zeit wieder in Richtung Heimat“, so die Wissenschafterin.

Sesshaft erst nach 1900

Die industrielle Entwicklung, die vielen die Möglichkeit gab, das ganze Arbeitsleben in einer Firma zu verbringen, brachte nach den Wanderbewegungen eine größere Sesshaftigkeit. Auch die Folgen der Weltkriege, die zum kalten Krieg und zum „Eisernen Vorhang“ führte, unterbrach für einige Jahrzehnte die historischen Wanderrouten. „Jetzt haben wir eine neue und dennoch traditionelle Situation: Krankenschwestern aus der Slowakei pflegen Österreicher, polnische Frauen putzen Wiener Wohnungen, Ungarn helfen bei der Ernte im Burgenland und Tschechen im Waldviertel. Dafür finden die Krakauer Familien keine einheimischen Haushaltshelferinnen, die kommen nämlich mittlerweile aus der Ukraine“, so Steidl.

Dennoch sind die Menschen weniger mobil, als dies Konzerne wünschen würden. „Auslandsaufenthalte sind nur für wenige Europäer attraktiv“, weiß Steidl. „Denn gefragt sind nur Arbeitskräfte. Die Menschen wollen aber in ihren sozialen Strukturen, der Familie und ihre gewohnten Umgebung und der Muttersprache leben bleiben.“

„Wir brauchen Zuwanderung“

Ganz Mitteleuropa veraltet zunehmend, die demografische Entwicklung schreit förmlich nach Zuwanderung. „Die Menschen werden immer älter, die Geburtenrate sinkt kontinuierlich und die Sozialsysteme sind ohne Zuwanderung nicht mehr finanzierbar, sofern man nicht das System ändert,“ so die Historikerin, die auch in den USA und Deutschland internationale Migrationsbewegungen erforscht und an Universitäten lehrt. „Gefragt ist auch die Politik,“ so Steidl. „In vielen Staaten konsultieren die Regierungen uns Forscher, in Österreich wird unser Wissen nicht einmal ignoriert.“ Und den verschiedenen „Ausländer-Raus-Bestrebungen“ nimmt Steidl jegliche Illusion: „Migration findet statt, ganz gleich, ob legal oder illegal. Das war immer so und lässt sich mit Beschränkungen nur sehr begrenzt steuern.“ Ihr Rat: „Migration zulassen, aber die Integration massiv fördern.“

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