Madonna beschäftigt sich mit der Kabbalah. Die Österreicher auch.

Seit 8. April hat Wien ein Zentrum für das Studium der Kabbalah. Streng wissenschaftlich und gar nicht esoterisch, wie versichert wird.

Das Zentrum nennt sich „Kabbalah Bildungs- und Forschungsinstitut – Baum des Lebens“ und ist, wie nicht anders zu erwarten, auf der „Mazzes-Insel“ in der Leopoldstadt. Ab sofort können Interessierte jeden Alters dort das Studium der Kabbalah beginnen. Mit einem echten Lektor, von Angesicht zu Angesicht, und nicht mehr nur via Live-Schaltung im Internet.

Der Eröffnungsabend war sehr gut besucht, sogar Kollegen von den Printmedien waren gekommen. Wer nun, dank Madonnas Vorbild oder nach den Versprechungen mancher Esoterik-Homepages den Weg zu ewigem Seelenheil, kraftstrotzender Gesundheit bis ins Alter von 100 Jahren oder gar den Weg zu enormen Reichtum erwartet hätte, wäre wohl schwer enttäuscht. Denn diese Art von Beschäftigung mit der Kaballah hat mit Esoterik wenig am Hut. Auch nicht mit einer Art Religionsersatz.

„Wir vermitteln den Studenten die wissenschaftliche Beschäftigung mit der alten Lehre“, versichert Lektor Eduard Yusupov. „Das heißt, Zusammenhänge verstehen zu lernen, seine Sinne entsprechend zu gebrauchen und dadurch auch eine Art von Erkenntnis zu erlangen, die einfach zufriedener und spiritueller macht.“

Dass er Jude ist, seine Kippah trägt und in der jüdischen Tradition lebt, soll aber niemanden irritieren. „Die Kabbalah ist weder eine Religion noch an das Judentum gebunden“, sagt er beim Vortrag. „Die Kabbalah ist eine Lehre, von der alle profitieren können, die allen offen steht und die auch viel weniger geheimnisvoll ist, als die meisten glauben.“ Um sie zu verstehen ist allerdings die intensive Beschäftigung nötig. Denn: „Wenn man  Einsteins Relativitätstheorie verstehen will, muss man sich auch einige Jahre mit Physik beschäftigen. Mit den Definitionen, den Formeln und den Schlussfolgerungen. Ähnlich sind auch die Texte der Kabbalah zu betrachten, die man ebenfalls nach wissenschaftlichen Kriterien studieren muss, um sie erfassen und anwenden zu können.“

Nicht nachvollziehbar für Außenstehende ist die Begeisterung der Besucher, die bereits die ersten Schritte hinter sich haben. Vor allem die Euphorie ist es, die skeptisch macht. Auch dass fast alles kostenlos angeboten wird, lässt Fragen nach der Finanzierung offen. Auch wenn man versichert, dass der hohe und höchst professionelle Aufwand durch den Bücherverkauf und freiwillige Spenden der Studenten aufgebracht werden kann. Ganz offen wird auf der Homepage erwähnt, dass „die vorrangige Quelle der Finanzierung aus dem zehnten Teil, den die Studenten auf freiwilliger Basis zur Verfügung stellen“, besteht. Wenn unter dem „zehnten Teil“ gemeint ist, zehn Prozent des Einkommens, dann könnte es allerdings teuer werden.

Dennoch: Angebote, wie „Kabbala Lebensanalysen“ um wohlfeile 39 Euro, frisch aus dem Computer, „Kabbala-Namensanalysen“ oder „Energiebilder“ (farbig) darf man hier nicht erwarten. Das überlässt Mag. Eduard Yusupov den selbsternannten Hexen, Magiern und anderen Esoterikern, die andere glauben machen wollen, woran sie meist selbst nicht glauben. Und mit Glauben hat die Beschäftigung mit der Kabbalah nichts zu tun. Sondern mit analytischem Lernen, wie er versichert.

Link zum Kabbalah-Zentrum

Artikel auf facebook teilen

Did you like this? Share it:
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Historisches, Menschen, Rätselhaftes, Tipp abgelegt und mit

Schlagworte: Eduard Yusupov, Esoterik, Geheimwissen, Judentum, Kabbala, Kabbalah, Stadt, Tradition, Wien,

verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Madonna beschäftigt sich mit der Kabbalah. Die Österreicher auch.

  1. elisabeth sagt:

    Vielen Dank für die objektive Darstellung dieses Events!

    Um die Frage nach dem „Zehnten“ zu beantworten – die Gabe des Zehnten ist für Kabbalastudenten oder andere an der Thematik Interessierten nicht verpflichtend und wird weder eingefordert noch ist er Vorraussetzung für das Studium. Es ist eine Sache zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer.

    Hier eine Geschichte dazu:
    http://www.de.chabad.org/library/article_cdo/aid/5431/jewish/Geben-und-Gewinnen.htm

    MfG

    E. Prelog-Igler

  2. peter sagt:

    Ok, ist für jemand Außenstehendes ja auch nicht so einfach verständlich, das mit der Kabbala. Und viele sind ja auch vollkommen überfordert zu unterscheiden, wenn es um die verschiedenen Aussagen zur Spiritualität geht. Das hat der Autor bestimmt fundamental erkannt.

    Herzliche Grüße
    Peter aus Kaiserslautern

  3. Johannes Widi sagt:

    Früher hatte so mancher Mineraliensammler einen hübschen Quarz in seiner Sammlung, ein Astronom bewunderte die Schönheit der Galaxis und ein Mystiker beschäftigte sich mit der Kabbala. Seither ist viel Anglo-Amerikanischer Sprachbrei durch unser Land geschwappt, daher tragen wir jetzt ‚Quartz‘-Uhren, verfolgen Abenteuer in einer fernen Galaxie und lesen über die ‚Kabbalah‘. Zum lachen haben wir auch nichts mehr, denn die Komiker sind längst den ‚comedians‘ gewichen.

    Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber ich find’s zum ‚throwuppen‘

    MfG
    J. Widi

  4. GST sagt:

    Als Aussenstehender hat man immer die Wahl, das man die Position, aus der eine Sache betrachtet wird, verändern kann. Das nutzt aber nichts, wenn man die Dinge von ihrem Wesen her erkennen will. Nur einer der in der Sache wirklich drinnen steckt, wer nahe am Kern ist, kann auch den Kern erkennen. Sonst gleicht es dem Staune eines Kindes, das durch ein Kaleidoskop schaut. Kabbala ist nichts für Mystiker und Phantasten, sondern nur für absolute Realisten. Das ist die Essenz was ich aus dem Vortrag mitgenommen habe. Wenn es Euphorie war, was der Journalist meinte wahrgenommen zu haben – dann möchte ich gerne Euphorisch sein.

    mfg

    Günter aus Bayern

  5. admin sagt:

    Der Journalist meint nicht, wahrgenommen zu haben, er hat wahrgenommen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.