ELGA-Diskussion: Argumente wie aus dem Märchenbuch

Die elektronische Gesundheitsakte, amtlich als „ELGA“ bezeichnet, sorgt für derzeit für heftige Diskussionen. Dass diese neue Zwangsbeglückung im Gesundheitswesen mehr Qualität bringen wird, wie die Befürworter behaupten, muss allerdings stark bezweifelt werden.

Klingt gut, ist aber derzeit technisch kaum möglich: Hochauflösende Befundbilder auf dem Ordinationsbildschirm betrachten. © Christian M. Kreuziger

Klingt gut, ist aber derzeit technisch kaum möglich: Hochauflösende Befundbilder auf dem Ordinationsbildschirm betrachten. © Christian M. Kreuziger

Theoretisch steht das österreichische Gesundheitswesen vor einer Qualitätsoffensive nie gekannten Ausmaßes. Die Qualität soll gesteigert, Kosten gesenkt werden und Patienten müssen sich nicht mehr mühsam um ihre Befunde und Arztbriefe kümmern, wenn sie nach dem Facharztbesuch oder Krankenhausaufenthalt ihren Hausarzt konsultieren. All dies, weil die elektronische Gesundheitsakte allen behandelnden Ärzten auf Knopfdruck zur Verfügung stehen wird. Das behaupten zumindest die Befürworter des Systems.

Die meisten – allerdings nicht alle – Ärzte hingegen stehen dem Vorhaben mehr als skeptisch gegenüber. Denn, so die Befürchtungen, für das Gespräch und die Beratung ihrer Patienten wesentlich weniger Zeit bleiben wird. Auch der behaupteten Datensicherheit wird nicht vertraut und auch die Infrastruktur ist keinesfalls vorhanden. Auch die angeblichen Einsparungspotentiale und die steigende Qualität wird von den Gegnern vehement bestritten.

Dass vor allem ELGA-Befürworter mit Argumenten arbeiten, die aus dem Märchenbuch stammen könnten, sollte allerdings zu denken geben. Josef Votzi, einer der profundesten Journalisten des Landes, fasst die schöne neue Welt dieser technischen Neuerung in seinem Leitartikel im KURIER zusammen. Das Medikament für die bettlägrige Patientin könne nach einem Blick in die elektronische Akte problemlos verschrieben werden, das letzte Blutbild abgerufen werden, und die jüngsten Bilder der Computer-Tomografie betrachtet werden.

Alle diese Argumente klingen zwar gut und einleuchtend, sind es aber nicht. Denn um beim Beispiel der Computertomographie (oder Röntgenaufnahmen) zu bleiben: Die Datenmengen sind einfach zu groß, um übers Netz abgerufen zu werden. Zumindest bei voller Auflösung. Auch die Bildschirme in den Ordinationen sind alles andere als geeignet, um diese Bilder überhaupt befunden zu können. Dafür würden alle Ärzte entsprechende Monitore benötigen, die erstens zu groß und zweitens zu teuer sind.

Schon jetzt bringen viele Patienten statt Röntgenaufnahmen CD’s von den Radiologen mit dem Befund mit. Beim Realitätscheck in einer Ordination hat sich herausgestellt, dass allein das Laden der Datenmenge dieser Aufnahmen und des dazugehörigen Programms zur Ansicht der Bilder mehr als acht Minuten dauert. Bei einem Computer der neuesten Generation.

Ein anderes Argument, das die schöne neue Welt im Gesundheitsbereich schmackhaft machen soll, ist die Arzneimittelsicherheit. Eine trügerische Sicherheit, wenn man sich ein wenig in der Branche auskennt. Denn auch wenn alle verordneten Medikamente erfasst und abrufbar sind, mögliche Interaktionen müssen immer noch mit dem Hirn des behandelnden Arztes oder Apothekers ausgewertet werden. Denn auch bei ELGA läuft keine Datenbank im Hintergrund, die vor möglichen Wechselwirkungen warnen würde. Das habe sich, so die Betreiber, als zu fehleranfällig herausgestellt.

Dass die Österreichische Apothekerkammer bereits in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts so ein Programm entwickeln ließ und angeboten hat, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Damals konnten bis zu zehn Wirkstoffe in Kombination überprüft werden. Nicht nur von Arzneimitteln, sondern auch von Lebensmitteln. Weil zum Beispiel der Genuss von Broccoli und ähnlichem Gemüse die Wirkung von blutverdünnenden Medikamenten beeinflussen. Abgesehen davon: Verordnete Medikamente sagen nichts darüber aus, ob diese auch tatsächlich eingenommen werden.

Ebenfalls hinterfragenswert ist das angebliche Einsparungspotential im Bereich der Mehrfachbefunde. Viele dieser wiederholten Ultraschall-, Röntgen- oder auch Blut- und Harnbefunde sind einfach nötig, um Veränderungen feststellen zu können. Bei manchen Erkrankungen ist auch ein sechs Monate junger Befund bereits zu alt, um eine Diagnose stellen zu können. Ebenfalls ein Grund für (manche) Mehrfachbefunde: Sowohl Patienten als auch manche Ärzte wollen eine zweite Meinung einholen. Das ist nicht nur legitim, sondern dient auch der geforderten Patientensicherheit.

Was ebenfalls der Patientensicherheit dient: Nur wenige Ärzte würden sich via ELGA bei Unfallopfern wichtige Daten wie die Blutgruppe via ELGA besorgen. Denn das wäre möglicherweise sogar ein Kunstfehler, weil sich einmal eine Schreibkraft vertippt haben könnte.

Was ebenfalls offenbar noch nicht ganz geklärt ist: Die Datensicherheit. Aber darüber demnächst – vielleicht – mehr…

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Schlagworte: Apotheke, Apotheker, Arzt, Ärzte, Ärztekammer, Österreich, elektronische Gesundheitsakte, ELGA, Gesetz, Gesundheit, Gesundheitswesen, Medizin, Patientensicherheit, Soziales, Zwangsbeglückung,

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