Der Herr Ingenieur und das Wiener Stadtbild

Ein Stadtbildpfleger der Gemeinde Wien sieht durch ein paar Leuchten, ein Designer-Geschäftsschild und Schaukästen für Speisekarten das örtliche Stadtbild beeinträchtigt. Ausgerechnet am Julius Tandler-Platz. Durch den Patron eines kleinen Restaurants. Das klingt nach Schikane.

Julius Tandler-Platz in Wien Alsergrund: Eine Werbetafel, ein paar kleine Lampen auf der Fassade und der Windfang des Café- Restaurant Gabel & Co. stören hier das Stadtbild und „sind nicht ortsüblich“. Sagt der Herr Ingenieur der Magistratsabteilung 46. © Christian M. Kreuziger

Eigentlich ist der Julius Tandler-Platz in Wien Alsergrund kein Platz. Er ist ein Verkehrsknotenpunkt, mit allen Vorzügen und Nachteilen. Das dominante Gebäude mit gläserner Fassade, Sitz von Büros der Bank Austria, wird umrahmt von Gründerzeithäusern in verschiedenen Farben und einem Betonklotz. In diesen Häusern wieder befinden sich Supermärkte, Geschäfte und Gastronomiebetriebe unterschiedlicher Art.

Auch Vladan Radovanovic hat sich mit seinem Café-Restaurant hier angesiedelt. Seit 2010 führt er an der Adresse Julius Tandler-Platz 1 das „Gabel & Co.“, ein kleines Lokal, das viel zu nobel für diese Adresse wirkt. Manche Bewohner der Gegend trauten sich erst nach und nach in das Lokal, das zu Mittag günstige Menüs für die Angestellten der umliegenden Büros bereit hält, in dem am Nachmittag Damen ihren Café und Mehlspeise konsumieren und des abends öfter ganze Gesellschaften einen Teil des Lokals reservieren.

Leicht hat es der „Rado“, wie der Patron des Lokals genannt wird, ja nicht gerade an diesem Standort. Die den Platz querende Alserbachstraße ist im letzten Jahrzehnt ziemlich heruntergekommen. Schuld daran sind jene Konzerne, die aus jedem Geschäftslokal ein Mikrocasino machen: Die Gruppe „Wettpunkt“ und der „Admiral“-Konzern. Diese beiden Konkurrenten haben zwischen dem Platz und der Friedensbrücke in den letzten Jahren großzügige Ablösen bezahlt, um die Geschäftsleute aus ihren Lokalen zu bekommen. Das waren ein indisches Restaurant, ein Taschengeschäft, ein Laden für Handarbeitswaren und Wolle, ein kleines Beisel und auch der Juwelier Ellert.

Auch auf dem Julius Tandler-Platz gab es so ein Automaten-Spielerlokal. Auf der Hausnummer 1, wo nun das Gabel & Co. firmiert. Ehemals war das ein Altwiener Café – das legendäre „Brioni“ –  in dem Größen wie Friedrich Torberg verkehrten. Später war es eine der von den Anrainern bezeichnete „Spielerhütte“, ein italienisches Lokal, ein Eissalon. Bis es dort brannte.

Dann kam der „Rado“, mietete das Objekt und gründete sein Lokal. Mit den Erfahrungen, die er als Geschäftsführer beim Plachutta in Heiligenstadt und auch vorher in noblen Innenstadtlokalen gesammelt hat, ging er daran, ein leistbares, aber elegantes Lokal aufzubauen. Die Bewohner der Gegend waren und sind immer noch entzückt, denn damit konnte erstmals ein kleiner Sieg gegen die Spielautomatenbetreiber gefeiert werden. Und gegen all die hässlichen Begleiterscheinungen, die diese Lokale mit sich bringen: Verklebte Scheiben, Neonschriften, Aufklebern die das Fotografieren verbieten und auch der steigenden Kleinkriminalität durch verzweifelte Spieler.

In diesem Umfeld erscheint das neue Lokal als Lichtblick. Vom Konzept her, aber auch im Bezug auf die Optik. Abends durch einige Lampen schön und dezent ins Licht gesetzt, mit grafisch einwandfreier und eleganter Beschriftung. Einer Beschriftung, die sich wohltuend von den schreienden typografischen Todsünden der Kebabstandes, der Billigstläden im Umfeld, des US-Fleischlaberkonzerns mit der meterhohen Werbesäule oder der Supermärkte abhebt. Fast zu dezent und elegant zu nennen.

Dieser Platz, der keiner ist, sondern ein Verkehrsknotenpunkt, mit all den alkoholkranken Obdachlosen, die ihn fallweise in großen Gruppen bevölkern, mit den Einkaufstouristen aus angrenzenden Bezirken, die am Wochenende hier bei Billa, Bipa und der Trafik den Wocheneinkauf erledigen, dieser Platz muss, so die Erkenntnis der Stadtbildschützer von der Magistratsabteilung 19, geschützt werden, stellt Ingenieur Ulrich P. von der MA 46 fest. Nicht vor den Grauslichkeiten der Billigstläden-Gestaltung, nicht vor den überdimensionierten Leuchtreklamen der Großkonzerne, sondern vor den Lokaltafeln des Gabel & Co. und den Schaukästen für die Speisekarten. Und vor jenen Lämpchen, die auch die Außenfassade abends beleuchten.

Der Eingang des Gabel & Co. – die Werbetafel und ein Schaukasten für die Speisekarte stören, der Elektrokasten und die Streusandkiste hingegen nicht. © Christian M. Kreuziger

Dass Herr Vladan Radovanovic die Stromkabel für die Lampen unter den Putz verlegen muss, das sieht er auch ein. Denn bei der Montage ging das nicht, weil das Wetter dagegen gesprochen hatte. Dass er aber seine Werbetafeln, die Lampen, die Schaukästen und sogar den Windfang entfernen soll, das versteht der Patron nicht. Vor allem die Aufforderung, den Vorbau vor der Eingangstür zu entfernen, ist ihm unverständlich. Den gibt es nämlich schon seit Jahrzehnten, und der wurde auch noch nie beanstandet.

Die Arbeit des Herrn Ingenieur Ulrich P. von der MA 46, das jeweils ortsübliche Stadtbild zu pflegen, die sollte man aber nicht kritisieren. Vor allem den Julius Tandler-Platz könnte er sich akribisch vornehmen. Hier wird er in vielen Fällen fündig werden. Zum Beispiel die Säule mit dem Leuchtwerbeschild des US-Konzerns, die kann man beim besten Willen nicht typisch für Wien bezeichnen. Die passt eher nach Nebraska oder Ohio. Die Fassaden der Billiggeschäfte, die erwartet man im Nahen oder dem benachbarten Osten. Ebenfalls hässlich: Die Kästen für die Ampelschaltungen, die Blechkisten, in denen Magazine und Zeitungen verstaut werden, die Spender für die bunten Gratiszeitungen oder manche Hervorbringungen der Architekten, die den Platz nach der Umgestaltung verschandeln.

Aber vielleicht stimmt es ja, was einige in der Gegend munkeln. Herr Rado hat einfach vergessen, ein entsprechendes Kuvert den Einreichplänen beizulegen. Oder ein Konkurrent hat ihn verpetzt. Mit einem Kuvert, und nicht per E-Mail…

Julius Tandler-Platz, 1999: Der Windfang ist auch bereits beim Wettbüro vorhanden. © Christian M. Kreuziger

Bildergalerie Julius Tandler-Platz

Amtliches Schreiben im Wortlaut (Auszug)

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Schlagworte: Alsergrund, Österreich, Gabel & Co, Gastronomie, Gesetz, Julius Tandler-Platz, MA 19, Magistrat, Politik, Restaurant, Schikane, Stadt, Stadtbild, Wien, Zwangsbeglückung,

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11 Kommentare zu Der Herr Ingenieur und das Wiener Stadtbild

  1. hugo gold sagt:

    sag einmal, wen kann man da jetzt fragen, ob er wo angrennt ist? oder meinen die unter ortsüblich dass er so auszusehen hat wie der wunderbare callshop?

  2. Rudi sagt:

    Hab selbst längere Zeit in der Porzellangasse gearbeitet und kenne dieses Umfeld.
    Es ist wahrlich eine Schande, was unsere Bezirkspolitiker und die anliegenden Ämter so verbrechen.
    Das Lokal um das es hier geht kenne ich zwar nicht, sieht aber am Foto wirklich sehr gediegen aus. Ist absolut eine Augenweide im Gegensatz zu den sonstigen immer mehr verkommen wirkenden Lokalen am Platz.
    Kann man etwas unterstützen?
    Kann man helfen?

  3. admin sagt:

    In diesem Fall muss man die Bezirkspolitiker und auch die „anliegenden Ämter“ in Schutz nehmen, die können nichts dafür. Auch die Gastronomiebetriebe am Julius Tandler-Platz sind durchaus viel besser geworden.

  4. Harri Mannsberger sagt:

    wenn sich der Herr Ingenieur mal umdrehen moechte… gleich nebenan steht der wohl haesslichste Bau Wiens : der FRANZ JOSEFS BAHNHOF (eigentlich hiess der Kaiser Franz Joseph….)

  5. tja, wien ist anders . . . .
    da ich auch ein wenig mit bauten in wien zu tun hatte wundere ich mich nicht.
    alleine wenn ich mal an das bach denke, das lokal im 16. bezirk.
    der konzertsaal und die bar waren nur durch zwei nicht absperrbare große öffnungen „getrennt“, im konzertsaal durften lt, ma 82 personen sein, in der bar aber unbegrenzt. und notlicht aber in seiner ausstattung für lokale mit ßber 300 besuchern . . . vorgesschrieben.
    irgendwie kommt es mir so vor als würden in den magistraten personen sitzen die in der privatwirtschaft wegen mangelndem wissen nicht überleben können . . . .
    nicht alle sind so, habe auch andere kennen gelernt, sind aber wenige.

  6. Mag.Zierhofer Ildiko sagt:

    ich würde weiter nach „oben“ urgieren. denn über dem hrn.ing.p. gibt es noch einen vorgesetzten bzw. kann sich ja auch die bezirkschefin für rado stark machen. das kanns doch nicht sein, dass man solchen „schikanen“ ausgesetzt wird. geht damit an die öffentlichkeit, an die presse und an „alle“ parteien. irgendjemand MUSS sich für diesen tollen geschäftsmann „rado“ einsetzen.

  7. Eva Franz-Hainzl sagt:

    Gibt es die Möglichkeit eine Unterschriftenaktion oder „Volksabstimmung“, denn meine Meinung, und ich bin Teil des Volkes fühlt sich durch die Meinung des Herrn Ingenieur Ulrich P. von der MA 19 nicht vertreten. Und ich bin sicher da bin ich nicht die Einzige.

  8. Kurt Beran sagt:

    Der Herr Inschenör hat völlig Recht. Die Fassade von Gabel&Co passt nicht ins Ortsbild.

    Vielleicht sollte Herr Rado ein paar Graffity-Spüher engagieren und sich ein paar Plakate an die Fenster kleben lassen, um sie dann stilecht teilweise wieder abzukratzen.

    Oder Herr Rado wird ein wenig sensibler und lernt den Wert der Arbeit unserer wiener Magistratsbeamten zu schätzen – und abzugelten.

  9. GeWalt sagt:

    Der Herr Ulrich P. von der MA 46 verdient es, in vollem Namen genannt zu werden, wenn er schon im gleichen Atemzug mit Herrn Friedrich T. genannt wird.

  10. Michael Feurstein sagt:

    Der Herr Ingenieur von der MA 46 sollte zur MA 2412 wechseln, da ist er gut aufgehoben und macht nix kaputt.

  11. Charlotte W. sagt:

    mein hausjurist meint: sachverhaltsdarstellung (genau dieses blog) an die staatsanwaltschaft schicken wegen korruptionsverdacht – die würden sich das ansehen.

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